Chronik
Mit neun 'Kryptophonen' verwandelte Hörstadt die Linzer Innenstadt in den Wochen von 14. November 2011 bis 6. Jänner 2012 in den Hörort einer akustischen Schnitzeljagd. Die KünstlerInnen Reinhard Gupfinger, Anatol Bogendorfer, das Künstlerkollektiv Faxen mit Clemens Mairhofer, Lucas Norer und Sebastian Six, Claudia Haslinger, Michaela Schwentner, Florian Sedmak, Karin Fisslthaler, Peter Androsch und Barbara Musil hatten insgesamt neun über den öffentlichen Stadtraum verteilte Klanginstallationen geschaffen.
81 Dezibel Durchschnittspegel und Maximalwerte bis zu 101 (!) Dezibel: So laut wie neben einem Presslufthammer oder einer Kreissäge ist der Einkaufs- bzw. Arbeitsalltag in der Filiale der spanischen Modekette Desigual am Westbahnhof in Wien. Das ergab eine von vielen im Testkaufverfahren von AktivistInnen von Beschallungsfrei – Die Kampagne gegen Hintergrundmusik österreichweit im Advent 2011 durchgeführte Schallpegelmessung.
Hörstadt-Leiter Peter Androsch als Kampagnensprecher und Karl Dürtscher von der Gewerkschaft der Privatangestellen GPA-djp in Wien statteten der Desigual-Filiale daher am letzten Einkaufssamstag vor Weihnachten 2011 am 17.12. in Begleitung von Kampagnenaktiven und Sympathisanten wie der Initiative Pro Christkind einen Überraschungsbesuch ab. Dabei überreichten sie der Filialleitung in Gestalt einer Urkunde und einer Trophäe die wohlverdiente Auszeichnung als Zwangsbeschaller 2011, die Beschallungsfrei seit 2008 jährlich vergibt.
"Über 100 Dezibel Spitze sind seit Beginn unserer Messungen einmalig", kommentierte Peter Androsch das Ergebnis. Karl Dürtscher erinnerte daran, dass das österreichische Arbeitnehmerschutzgesetz für minderjährige Beschäftigte bei Lautstärken von 80 Dezibel aufw
Am 1. Oktober 2011 fand die Lange Nacht der Museen in ganz Österreich statt. Hörstadt beteiligte sich und schlug ihr Auditorium wiederum im Kundenforum der VKB-Bank in Linz auf. Das temporäre Hörstadt-Museum präsentierte weltberühmte Opernsängerinnen und -sänger, die von den Nazis vertrieben, gequält oder umgebracht wurden. Sei es der gebürtige Linzer Richard Tauber, der hinreissende Joseph Schmidt, die große Hilde Zadek oder das "Opernwunder" Lotte Lehmann. Wundervolle Melodien und großartige historische Aufnahmen, die Musikgeschichte geschrieben haben, waren an diesem Abend die wertvollen Exponate des Hörstadt-Museums.
Am Samstag, 4. Juni 2011 trug Hörstadt zur Langen Nacht der Bühnen bei. Und zwar mit einem temporären HörTheater im Kundenforum der VKB-Bank in Linz. Im akustischen Mittelpunkt stand die Magie der menschlichen Stimme. Im stimmungsvollen Ambiente eines schwarzen Zeltes wurden die Stimmen der großen Dichterinnen und Dichter zu Gehör gebracht – eine seltene Gelegenheit, sie im Original und selbst sprechen zu hören. Die Bandbreite reichte von 1901 bis 2004 und von Thomas Mann bis Thomas Bernhard, von Marie von Ebner-Eschenbach bis Rose Ausländer.
Hörstadt-Präsentation an der EHESS Paris
Eine ehrenvolle Einladung erging an Peter Androsch, die Ideenwelt von Hörstadt im Mai 2011 an der EHESS in Paris vorzustellen. Die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) gehört zu jenen grandes écoles Frankreichs, die als Gipfel der akademischen Welt die Eliten des Landes hervorbringen. Mit Pierre Bourdieu und Jacqiues Derrida lehrten hier zwei große französische Intellektuelle, deren Arbeiten maßgeblichen Einfluss auf Hörstadt hatten und haben.
Tag gegen Lärm 2011
Am Mittwoch, 27. April war der Tag gegen Lärm 2011. Hörstadt beteiligte sich in Linz an diesem weltweiten Aktionstag, mit dem verschiedenste Initiativen und Organisationen auf das Lärmproblem hinweisen: Mit einem rege frequentierten Informationsstand am zentralen Taubenmarkt, bei dem zahlreiche neu aufgelegte und damit aktualisierte Beschallungsfrei-Folder und -Aufkleber sowie Informationen zur Lärmthematik verteilt wurden.
Außerdem lud Hörstadt erstmals 2011 in den Ruhepol Mariendom im Linzer Mariendom, der außerhalb der Sommersaison einen Tag lang zugänglich war. Dem Tag gegen Lärm ging eine gut besuchte gemeinsame Pressekonferenz von Hörstadt mit Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudi Anschober voraus, der die Hörstadt-Aktivitäten zum Tag gegen Lärm und gegen die Zwangsbeschallung mit Hintergrundmusik im Jahr 2011 unterstützt.
Der Zwangsbeschaller des Jahres 2010 ist im Südosten Österreichs zu Hause: Bei der Kür des Handelsbetriebs mit der lautesten Hintergrundmusik setzte sich die einzige Österreichfiliale der spanischen Modekette "Bershka" in einem Einkaufszentrum in Seiersberg bei Graz durch. Bei einem Testkauf im Advent wurden Schallpegel von über 89 Dezibel gemessen. Nach 2008 (Pimkie) und 2009 (Tally Weijl) wird von Beschallungsfrei damit nun zum dritten Mal in Serie eine auf junges Publikum spezialisierte Modekette als Zwangsbeschaller des Jahres ausgezeichnet.
Zum Auftakt des letzten Einkaufswochenendes im diesjährigen Advent überreichte Peter Androsch der Geschäftsleitung von "Bershka" im Beisein zweier Fernsehteams in Graz-Seiersberg am 17. Dezember 2010 Urkunde und Trophäe.
Im Auftrag von SPAR OÖ und in Zusammenarbeit mit dem Institut IBE an der Johannes-Kepler-Universität Linz hat Hörstadt im Herbst 2010 eine Studie zur Optimierung der akustischen Verhältnisse in SPAR-Märkten erarbeitet. Bei der Untersuchung verschiedener Märkte und im Gespräch mit den MitarbeiterInnen wurde Punkt für Punkt erhoben, wo es hörbares Verbesserungspotenzial gibt. Der Auftraggeber erhält zum Abschluss eine Übersicht, welche Maßnahmen in welcher Zeit und mit welchem Aufwand umgesetzt werden können.
Nach dieser zweiten erfolgreichen Zusammenarbeit mit SPAR tun sich weitere Perspektiven auf, die Arbeits- und Aufenthaltsqualität für Belegschaft und Kundschaft gleichermaßen entscheidend zu verbessern.
Lebhafte Diskussionen vor allem nach der abschließenden Podiumsdiskussion mit der Kulturpublizistin Sieglinde Geisel ("Nur im Weltall ist es wirklich still"), Helfried Gartner (Lebensministerium) und Peter Androsch (Hörstadt) – Moderation: Chefredakteurin Christine Haiden (Welt der Frau) – und Vorträge auf hohem Niveau prägen das 1. Internationale Hörstadt-Symposion "Viel Lärm(schutz) um nichts" am 21. und 22. Juni 2010 im Hotel am Domplatz in Linz:
Ein heterogenes Auditorium aus Raum- und Verkehrsplanern, technischen Akustikern, Baufachleuten und Kreativen lauscht dem Eröffnungsbeitrag "Zum Schutz, zur Freiheit" des Berliner Musikers und Architekten Olaf Schäfer, der mit diesem Text den Hörstadt-Essaywettbewerb gewonnen hat. Daran schließen sich ein Rundblick über den Kampf gegen Lärm in der EU des führenden deutschen Lärmschützers Christian Popp und ein stimulierender Vortrag von Andres Bosshard über lärmtherapeutische Klangakupunkturen im öffentlichen Raum an.
Andreas Stoffels erläutert die physiologischen und psychoakustischen Grundlagen des Lärmhörens; Wolfgang Gratt und Gerhard Lueger präsentieren die 2009 von Hörstadt in Auftrag gegebene Studie "Urban Vision Linz" zur möglichen Halbierung des Umgebungslärms durch ein neues Mobilitätskonzept am Beispiel Linz.
Die Stadt Linz und das Land Oberösterreich beschließen, die Arbeit von Hörstadt ab 1. Juli 2010 nicht mehr mit öffentlichen Geldern zu fördern – ausgerechnet zum Zeitpunkt des Abschlusses der Adaptierungs- und Renovierungsarbeiten im Ausstellungsbereich.
Das hat schwerwiegende Konsequenzen wie die Schließung des Akustikon, Welt des Hörens in der Pfarrgasse 9-13. Unverständnis und Fassungslosigkeit begleiten die Entscheidung. Von einer "himmelschreienden Schande" spricht die Frankfurter Allgemeine Zeitung, und die Frankfurter Rundschau kommentiert: "Nicht dass damit besonders viel Geld gespart würde, es wird nur maximaler Schaden angerichtet und maximale Gedankenlosigkeit eindrucksvoll betont."
Die politische Entscheidung führt zur Vernichtung von 14 Arbeitsplätzen – und dazu, dass außer dem nur aufgrund privater Initiative geretteten Kepler-Salon buchstäblich nichts vom "nachhaltigen Impuls" Linz09 überbleibt.
Während des nur einjährigen Bestehen von Juli 2009 bis Juni 2010 besuchen 16.000 Menschen das Haus, das sich darüber hinaus zu einem Fixpunkt für Kindergärten und Schulen entwickelt hat. Ein speziell auf die Bedürfnisse und Interessen von Älteren zugeschnittenes Vermittlungsprogramm ist fertig entwickelt und kann nicht mehr angeboten werden.
Mit großem Erfolg kann sich Hörstadt, die Linzer Initiative für einen menschengerechten akustischen Raumvon Montag, 7. bis Donnerstag, 10. Juni 2010 im Europäischen Parlament in Brüssel präsentieren. Rund 150 BesucherInnen – Abgeordnete mit ihren MitarbeiterInnen sowie Parlamentspersonal und eine Gruppe junger österreichischer Blogger – folgen der Einladung von Gastgeberin Eva Lichtenberger (Grüne), die gemeinsam mit Hörstadt zur Eröffnung am Dienstagabend geladen hat.
Blickfang der Ausstellung ist ein über 5 Meter langes überdimensionales Hörrohr aus Metall; ein Video sowie Schautafeln informiert über die Ziele und Aktivitäten der Linzer Akustik-Initiative, wobei vor allem die Linzer Charta als politisches Dokument zu einem neuen Umgang mit der hörbaren Umwelt und die gegen die Zwangsbeschallung mit Hintergrundmusik gerichtete Kampagne Beschallungsfrei auf besonderes Interesse stoßen.
Der Berliner Architekt und Musiker Olaf Schäfer ist mit seinem Text "Zum Schutz, zur Freiheit" Preisträger des mit 3.500,- Euro dotierten Hörstadt-Essaywettbewerbs 2010 Viel Lärm(schutz) um nichts. Metrophonie ist das Schlüsselwort für Schäfers Stadtklangs-Phänomenologie, die er auf seiner an akustischen Beobachtungen und Ideen in Form hörorientierter Streifzüge durch Berlin überaus reichen Website verfolgt.
"Lärm ist nicht nur Klang, sondern mehr noch eine gesellschaftliche Konstruktion, die mitten hineinführt in das Dilemma schon immerwährender Lärmproblematik. Lärm ist insofern Auskunft zu einer Qualität des Verhältnisses zwischen den Menschen, Einzelnen und Gruppen, und den Klängen die sie umgeben", heißt es in Schäfers von der Hörstadt-Jury ausgezeichnetem Essay Zum Schutz, zur Freiheit.
Von 3. Juni 2010 an geht der Ruhepol Mariendom in der Turmhalle des Doms in der Baumbachstraße in Linz in seine zweite Saison, die wie schon 2009 am 26. Oktober 2010 endet.
Tally Wejl ist Zwangsbeschaller 2009
In Zusammenarbeit mit der GPA-djp finden die anonym im Testkaufverfahren durchgeführten Schallpegelmessungen in ausgewählten Geschäften zur Ermittlung des Zwangsbeschallers 2009 in allen österreichischen Landeshauptstädten statt. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend übergeben GPA-djp-Vorsitzender Wolfgang Katzian und Beschallungsfrei-Sprecher Peter Androsch die wenig schmeichelhafte Auszeichnung an eine der beiden in der Wiener Mariahilferstraße gelegenen Filialen der internationalen Modekette Tally Weijl. Die ein von einem Nagel durchbohrtes Ohr symbolisierende Trophäe und eine Urkunde "verdient" sich Tally Weijl durch Zwangsbeschallung mit Hintergrundmusik in einer Lautstärke bis 78 Dezibel.
Wie schon 2008 wird auch die Prämiierung des Zwangsbeschallers 2009 von großem medialem Interesse begleitet.
Ganze Stadt, halber Lärm
Im April 2009 hat Hörstadt ein Team von ExpertInnen aus unterschiedlichen Disziplinen mit einer Grundlagenstudie zu einer wirksamen Lärmreduktion am Beispiel Linz beauftragt. Nach halbjähriger Forschungsarbeit von Raum- und Verkehrsplanern, Gemeindeforschern und Medizinern unter Federführung des Sachverständigenbüros TAS für technische Akustik steht fest: Es ist realistisch möglich, die Lärmbelastung im Zentrum von Linz um die Hälfte zu reduzieren.
Der Schlüssel dazu liegt in der Mobilität der Zukunft, die zugleich Grundlage einer bisher ungekannten Dimension städtischer Lebensqualität ist. Die ganze Stadt bei halbem Lärm in punkto Lebensqualität aufzuwerten, wird durch einen Wandel unserer Mobilität möglich. Öffentlicher und individueller Verkehr erfolgen durch Elektrofahrzeuge mit lärmarmen Reifen und einer einheitlichen Reisegeschwindigkeit von 30 km/h im Stadtkern.
Rund um das Stadtzentrum müssten an den Verbindungsstraßen zum Umland Logistikzentren für den Warentransport in die Stadt hinein enstehen. Sie fungieren zugleich als Umstiegsterminals für den klassischen Autoverkehr. Voraussetzung für die Halbierung des in allererster Linie von Autos verursachten Umgebungslärms ist die flächendeckende Umstellung des innerstädtischen Verkehrs auf Elektrofahrzeuge.
Grundlage für die Studie sind aktuelle Verkehrs-, Lärmbelastungs- und Luftqualitätsdaten von Linz. Neben TAS waren das Institut Retzl (Bereich Gemeindeforschung), AXIS (Verkehrsplanung), TOPOS III (Stadt- und Raumplanung) und Dr. Thomas Edtstadler (Humanmedizin) an der Erstellung der Studie "Urban Vision Linz – Ganze Stadt, halber Lärm" beteiligt.
Mit dem Arbeitsgesundheitsmonitor hat die Arbeiterkammer neben dem Arbeitsklimaindex ein neues Instrument geschaffen, um die Gesundheitsgefährdung am Arbeitsplatz darzustellen. Für den Monitor werden insgesamt 4.000 ausführliche Interviews mit unselbstständig Beschäftigten quer durch alle Branchen geführt. Der Arbeitsgesundheitsmonitor bezieht dank der Zusammenarbeit von AK mit Hörstadt dabei erstmals auch akustische Kriterien ein.
Das am 9. Dezember 2009 präsentierte Ergebnis: 63 Prozent der Befragten sind an ihrem Arbeitsplatz Lärm ausgesetzt; 17 Prozent der Betroffenen fühlen sich dadurch "sehr stark" bzw. "stark" belastet. ArbeitnehmerInnen in der Privatwirtschaft sind am häufigsten einer Dauerbeschallung ausgesetzt. Besonders betroffen sind Menschen in den Branchen Transportwirtschaft, Industrie und Gewerbe sowie im Handel.
Wie geplant, schließt der im Kulturhauptstadtjahr zur Institution gewordene Ruhepol Centralkino am 21. November 2009 – dem No Music Day – um 21.00 Uhr seine Schiebetür im Innenhof des Hauses Landstraße 36 für immer. Über 28.000 BesucherInnen strömen in den genau 51 Wochen seines Bestehens in die öffentliche Ruhezone und belegen damit nachdrücklich, wie groß der Bedarf an allgemein zugänglichen Rückzugsmöglichkeiten ist.
Im letzten Monat seines Bestehens fungiert der Ruhepol Centralkino auch als TrauerZeitRaum. Drei Wochen lang finden Menschen, die Kinder und andere engste Angehörige verloren haben, einen Raum für ihre von der Gesellschaft vielfach ungern gesehene oder tabuisierte Trauer. Die Selbsthilfegruppe Trauernde Eltern und Geschwister Linz legt ein großes Trauerbuch zum Festhalten von Wünschen, Gedanken und Gefühlen auf und steht Trauernden professionell im Gespräch zur Verfügung.
No Music Day 2009 mit Bill Drummond
Begleitet von einem großen internationalen und nationalen Medienecho geht der No Music Day 2009 am 21. November in Linz über die Bühne. Für den britischen Künstler und Musiker ist es der erfolgreichste der seit 2005 stattgefundenen Tage ohne Musik, und zugleich gemäß eines 2005 gefassten Fünfjahresplans der letzte, den Drummond selbst propagiert.
Tatsächlich macht sich der Musikfasttag an diesem spätherbstlichen Samstag in Linz bemerkbar: Das Gros der Linzer Kulturhäuser vom Brucknerhaus über den Posthof bis zum AEC – das dafür sogar auf seiner Leuchtfassade wirbt –, die meisten von der Linzer Kulturszene frequentierten Lokale sowie zahlreiche Handelsbetriebe beteiligen sich am Tag ohne Musik. Darunter alle Niederlassungen von Maximarkt in Oberösterreich, 122 oberösterreichische SPAR-Filialen, Hugo Boss, Diesel, Peek & Cloppenburg sowie viele andere mehr.
Radio FRO gestaltet sein Programm de ganzen Tag lang ohne Musik, Life Radio produziert zur Mittagszeit eine zweistündige musikfreie Sondersendung mit Beiträgen zum No Music Day.
Hörstadt selbst feiert den Tag mit Bill Drummond in der Solaris Bar im OK – Offenes Kulturhaus. Am Vorabend spielt DJ DSL ein umjubeltes Set, das um Punkt Mitternacht zu Ende geht, als Bill Drummond auf der Theke stehend den No Music Day eröffnet. Bei bester Stimmung vergnügt sich das ansonsten tanzwütige Publikum bis spätnachts ohne Beschallung.
24 Stunden wirft DJ Michael Fakesch die Plattenteller wieder an. Davor bewirtet Drummond die Solaris-Gäste mit selbstgekochter Suppe und erläutert in einer kurzen Rede, welche Erlebnisse und Ideen zum Konzept des alljährlichen musikfreien Tags geführt haben.
Gemeinsam mit dem Wissensturm Linz bittet Hörstadt zu drei öffentlichen Gesprächen, in denen es aus unterschiedlichen Perspektiven um die Verankerung des Menschen in der Welt über seinen Hörsinn geht. Der Wiener Architekt und Klanggestalter Bernhard Leitner im Gespräch mit ORF OÖ-Kulturchefin Regina Patsch, R. Murray Schafer im Gespräch mit Thomas Edlinger (ORF) und No Music Day-Initiator Bill Drummond im Gespräch mit dem Musiker und Musikjournalisten Rainer Krispel sorgen für drei inspirierende Abende.
Auf Inititative von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die mit Hörstadt seit ihrem sommerlichen Besuch im Akustikon vertraut ist, erklärt der Nationalrat zum Nationalfeiertag am 26. Oktober 2009 das Parlament offiziell als "beschallungsfrei" und informiert darüber in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Peter Androsch.
Am Nationalfeiertag – im Parlament traditionell Tag der offenen Tür – informiert Hörstadt die tausenden BesucherInnen mit Foldern und anderem Hörstadt-Material über ihre Anliegen und Ziele.
Wie geplant geht die Saison im Ruhepol Mariendom am 26. Oktober 2009 nach fünf Monaten mit der weit über den Erwartungen liegenden GesamtbesucherInnenzahl von über 14.000 zu Ende – für eine Verlängerung der Öffnungsdauer ist es in der nicht beheizbaren Turmhalle schon zu kalt.
Der Schlusspunkt am 26. Oktober fällt mit der historisch einmaligen Aufführung von Bruckners "Te Deum" im Mariendom mit 1.000 SängerInnen zusammen, bei dem die tausenden BesucherInnen rund um den Dom mit dem Hörrohr auf Hörstadt aufmerksam gemacht werden.
Von 15. bis 18. Oktober 2009 folgt Hörstadt mit einem großformatigen Präsentationsbuch, einem italienisch und englisch gesprochenen Video in Endlosschleife und einem Meter langen metallenen Hörrohr der Einladung des Festival della Creatività, sich in Florenz vorzustellen. 2009 steht das Festival mit einem fast unüberschaubaren Ausstellungs-, Workshop- und Veranstaltungsangebot unter dem Motto "Stadt der Zukunft, Zukunft der Stadt".
Das Hörrohr bekommt von der Festivalleitung ob seiner ästhetischen Qualität einen Sonderplatz im Haupteingangsbereich des in einer alten Festung liegenden Festivalgeländes zugewiesen und gerät so ins Blickfeld jedes einzelnen der insgesamt 450.000 BesucherInnen.
Nach einer Hörstadt-Präsentation bei der Lärminitiative Konstanz unmittelbar vor dem Festivalbeginn in Florenz stellt Peter Androsch am letzten Festivalabend das Vorhaben unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit bei einer Podiumsdiskussion unter anderem mit Architekten und Stadtforschern vor.
Zehn von Andres Bosshard persönlich geführte Hörspaziergänge entlang der von ihm ausgewählten Hörenswürdigkeiten und die von ihm mit seinem Linzer Künstlerkollegen Gerd Thaller eingerichtete Klangbaustelle sind die Höhepunkte des Programms von Hörstadt im Sommer 2009.
Lauffeuerartig verbreitet sich die Nachricht, wie vergnüglich und überraschend es der Schweizer Klangforscher und -gestalter versteht, seinen MitspaziergängerInnen die Ohren für den Stadtklang und die akustischen Besonderheiten von Linz zu öffnen. Bald sind alle Führungen restlos ausverkauft.
Mit der Stadtklangbaustelle wagen sich Bosshard und Thaller an einen der verlärmtesten und auch sonst nicht gerade anziehendsten Punkt der Innenstadt: einen unscheinbaren Flecken Grün zwischen Nibelungenbrücke, Durchzugsstraße, Donauufer und Museumsvorplatz. Eine raffinierte Lautsprecheranordnung bis hinauf in die Krone eines stattlichen Baumes und eine subtile Bespielung mit verschiedensten Klängen ringt dem Unort eine neue Hörqualität ab und transformiert das Verkehrsbrausen.
Als erste Stadt macht sich das deutsche Erlangen die in der Linzer Charta formulierten Ziele und Werte für akustische Lebensqualität in der Stadt zu eigen und beschließt am 21. Juli 2009 die Charta im Umweltausschuss.
Zu Christi Himmelfahrt, dem 21. Mai 2009, öffnet sich in Österreichs größter Kirche, dem Mariendom, eine bisher verschlossene Tür: Die bisher nicht zugängliche Rudigierhalle im Turm wird zum Ruhepol Mariendom – dem einzigen Raum, aus dem das riesige Rosettenfenster über dem Portal von innen sichtbar ist. Die Sichtbarkeit des Glaskunstwerks aus dem Kirchenschiff ist dem verspäteten Einbau der Domorgel zum Opfer gefallen. Durch den Einbau der Orgel ist auch die Turmhalle selbst in ihren bemerkenswerten Maßen entstanden: Ein Raum mit nicht mehr als 100 Quadratmetern Grundfläche bei 25 Meter Raumhöhe.
Sechs Wochentage geöffnet, bietet der zweite Hörstadt-Ruhepol dank einer Lichtinstallation von Rainer Jessl nicht nur akustisch ein intensives Erlebnis: Jessl ergänzt das Lichtspiel des Sonnenlaufs in der Fensterrosette mit einer Projektion. Wie auch im Ruhepol Centralkino geht die Einrichtung – das Ruhemobiliar ist aus ausgedienten Kabeltrommeln gearbeitet – und Gestaltung auf das Architektentrio Tobias Hagleitner, Richard Steger und Gunnar Wilhelm zurück.
Akustikon eröffnet
Im Beisein der Linzer SpitzenpolitikerInnen eröffnet am 27. Juni 2009 das Akustikon in ehemals vom Kultur- und Schulamt genutzten Räumlichkeiten im Rathausgeviert. Damit bekommt Hörstadt ein räumliches Zentrum, das als Ankerpunkt aller Hörstadt-Aktivitäten dient.
So wie die Ruhepole stößt auch die Welt des Hörens sofort auf großes Interesse, das die Kapazitäten des Führungs- und Vermittlungspersonals vom ersten Öffnungstag an voll auslastet.
Zahlreiche internationale Delegationen und prominente BesucherInnen wie die Bundesminister Claudia Schmied und Alois Stöger, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und VertreterInnen gewesener und vor allem künftiger Kulturhauptstädte Europas besuchen das Haus von der Eröffnungsphase an. Ab September bietet das Akustikon zwei Vermittlungsprogramme für Kinder, die sich rasch großer Beliebtheit vor allem bei Schulen erfreuen und auf Wochen ausgebucht sind.
Mit einem ungewöhnlichen Sponsoring beginnt die gute Zusammenarbeit der Handelskette SPAR mit Hörstadt: Das Unternehmen beendet in insgesamt 18 seiner Filialen im Großraum Linz die Beschallung seiner KundInnen und MitarbeiterInnen mit Hintergrundmusik.
Das Aus fürs Einkaufsradio kommt mit Februar 2009 in den SPAR-Märkten am Bahnhof und in der Landstraße, in Kleinmünchen, in den beiden Filialen am Froschberg sowie am Gründberg, in der Friedhofstraße, Derfflingerstraße, Freistädter Straße, Stieglbauernstraße, Wildbergstraße, Wiener Straße und Holzstraße; weiters in Oed, Puchenau, Dornach, Magdalena und in der SolarCity.
Am 20. Februar 1909 veröffentlichte Filippo Tommaso Marinetti auf der Titelseite von Le Figaro das Futuristische Manifest. Die aggressive Lobeshymne auf Krieg, Lärm und blindwütigen Fortschritt erwies sich im Nachhinein als eine der intellektuellen Grundlagen und Vorbote des Faschismus – nicht umsonst avancierte Marinetti zum Kulturminister des Mussolini-Regimes.
100 Jahre später ist es eine traurige Tatsache, dass die Menschheit an allem leidet, was Marinettials als herrlich imaginierte. Hörstadt nimmt das 100jährige Jubiläum des Futuristischen Manifests als eines der zentralen Dokumente der europäischen Geistesgeschichte zum Anlass, mit dem Akustischen Manifest zu antworten.
Es erscheint auf den Tag genau hundert Jahre nach Marinettis Text am 20. Februar 2009 am Originalschauplatz Le Figaro.
„Hier ist radikal zusammengefaßt, was Hörstadt ausmacht: FÜR eine Politisierung des akustischen Raums, GEGEN die permanente Entwürdigung und Manipulation des Menschen durch Zwangsbeschallung, die akustische Bewusstlosigkeit von Architektur, Raum- und Stadtplanung sowie die Verlärmung unserer Welt", sagt Autor Peter Androsch. Außer in Le Figaro erscheint das Akustische Manifest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie in Der Standard.
Am 22. Jänner 2009 beschließt der Gemeinderat der Stadt Linz in seiner ersten Sitzung im Kulturhauptstadtjahr die im Kreis von Hörstadt entwickelte Linzer Charta zur Stadtentwicklung und Stadtgestaltung in akustischem Sinne. Vom Stadtsenat auf die Agenda gesetzt, wird sie von Bürgermeister Franz Dobusch bei der Sitzung vorgestellt und bei der Abstimmung einstimmig beschlossen.
„Mit der Linzer Charta betritt die Stadt Linz einmal mehr Neuland“, kommentiert Bürgermeister Franz Dobusch den Beschluss des Stadtparlaments. „Wie die legendäre erste Linzer Klangwolke und die erste Ausgabe der Ars Electronica hat die Charta das Zeug dazu, Grundstein für eine langfristige Entwicklung unserer Stadt zu sein – eine Entwicklung in Richtung einer akustischen Modellstadt Europas.“
Die Linzer Filiale Landstraße 28 der auf junges Publikum zugeschnittenen Modekette Pimkie darf sich mit dem wenig schmeichelhaften Etikett „Zwangsbeschaller des Jahres 2008“ schmücken. Der Kür gehen professionelle Schallmessungen in Geschäften und Einkaufspassagen in der Linzer Innenstadt, im Haidcenter, im Uno-Shopping und in der Plus City voraus.
Bei Pimkie messen die Tester Spitzenwerte von 87 Dezibel und einen durchschnittlichen Lautstärkepegel von 77 Dezibel. Selbst der niedrigste gemessene Wert beträgt nicht weniger als 72 Dezibel.
Die Auszeichnung wird unter reger medialer Anteilnahme der verdutzten Geschäftsführung in Form einer Urkunde und einer Trophäe – dem Beschallungsfrei-Logo mit einem großen Nagel im symbolisierten Ohr – am 19. Dezember 2008 von Peter Androsch überreicht.
Rote Karte gegen Zwangsbeschallung verteilt
Am ersten Einkaufsamstag im Advent 2008 bringr Beschallungsfrei die "Rote Karte gegen Zwangsbeschallung" in Umlauf. Wer sie Personal oder Geschäftsführung in Betrieben mit störender Hintergrundmusik in die Hand drückt, bringt sein Missfallen mit starker Geste wirkungsvoll zum Ausdruck. In einer von Rundfunk und Fernsehen begleiteten Aktion verteilten AktivistInnen von Hörstadt, Gewerkschaften und Kirchen die Roten Karten an Handelsangestellte und KonsumentInnen. Verteilt wird in der Linzer Innenstadt, im Haidcenter und in der Plus City am Stadtrand sowie in Graz.
Der Ruhepol Centralkino eröffnet
Das ehemalige Centralkino im Haus Landstraße 36 öffnet Ende November 2008 wieder seine Türen und steht nach Umgestaltung durch die Architekten Tobias Hagleitner, Richard Steger und Gunnar Wilhelm von der Kunstuniversität Linz/die architektur der Öffentlichkeit ein Jahr lang als frei zugänglicher Ruheraum zur Verfügung. Die von Hörstadt betriebene und von der SPÖ Oberösterreich zur Verfügung gestellte Ruhezone bietet allen Ruhesuchenden an sechs Tagen die Woche Stille in einem nicht-religiösen Zusammenhang. Der Ruhepol stößt auf großes Interesse und wird über Nacht zu einer der meistbesuchten Attraktionen der Kulturhauptstadt Europas 2009.
Hörstadt, im Bereich Musik von Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas von Peter Androsch und Team entwickelt, geht erstmals an die Öffentlichkeit. Und zwar mit der in Zusammenarbeit mit LGB, gpa-djp und CityPastoral/Katholische Kirche in OÖ geplanten Kampagne Beschallungsfrei, die sich gegen die Zwangsbeschallung in der öffentlichen Sphäre richtet.
In einer gemeinsamen und außergewöhnlich gut besuchten Pressekonferenz in Linz präsentieren die Kampagnenträger neben den Ziele und Forderungen von Beschallungsfrei den Aufkleber "Beschallungsfrei – Zone ohne Hintergrundmusik". Er ist das erste Positivkennzeichen für Beschallungsfreiheit. Bei der Pressekonferenz stellt Peter Androsch als Kampagnensprecher die ersten Organisationen, Betriebe und Körperschaften vor, die sich selbst per Aufkleber als "beschallungsfrei" deklarieren.
Dazu zählen die Stadt Linz, das Land Oberösterreich, die Bank Austria, die Arbeiterkammer OÖ, zahlreiche Linzer Beherbungsbetriebe u.v.a.m. Wenig später schließen sich die Buchhandelskette Thalia, die LinzLinien und zahlreiche Dienstleistungsbetriebe an.
