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Symposion 2011: Hören und Gehorchen


Wann: Montag, 20. – Dienstag, 21. Juni 2011
Wo: Nordico Museum der Stadt Linz, Dametzstraße 23, 4020 Linz, Österreich

Mit Vorträgen von

Sabine Kebir (Berlin) über den Begriff der Hegemonie.
Peter Androsch & Florian Sedmak (Linz) über die Felder akustischer Hegemonie.
Florian Huber (Wien) über die akustische Dimension von Ungleichheit und Gentrifizierung.
Konrad Paul Liessmann
(Wien) über Akustik im öffentlichen Raum als Machtfaktor.
Kerstin Giering (Trier) über den Lärm als großen Hegemon.
Olaf Schäfer (Berlin) über akustische Machtverhältnisse in der Architektur.
Karin Wagner (Linz/Wien) über Verbot und Verfolgung von Musik als Machtstrategie.

Der geplante Vortrag von Thomas Macho über "Die Stimme des Befehls" musste auf Grund einer hartnäckigen Erkrankung des Referenten entfallen. An seiner Stelle trug der Linzer Schauspieler Harald Bodingbauer zwei Passagen über die akustischen Strategien Hitlers und des NS-Regimes aus "Hitlers Gesicht" von Claudia Schmölders vor.

Das zweite Internationale Hörstadtsymposion widmete sich unter dem Titel "Hören und Gehorchen" exemplarisch einzelnen inhaltlichen Facetten einer noch zu schaffenden Theorie der Akustischen Hegemonie. Die Theorie der Akustischen Hegemonie befasst sich mit der Frage, wie sich gesellschaftliche Herrschafts- und Machtverhältnisse akustisch zeigen bzw. wie das Hörbare reglementiert wird. Dabei geht es u.a. um die Frage nach der sozialen Verteilung von Lärmbelastungen und um historische und aktuelle Beispiele der Ausübung und Inszenierung von Macht im Akustischen.

 

Die Vortragenden

Peter Androsch
ist Komponist, Musiker, Künstler und Lehrbeauftragter an der Kunstuniversität Linz. Er war programmatisch für den Bereich Musik bei Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas verantwortlich, wo er 2006 das Konzept für Hörstadt entwickelte, die er bis heute inhaltlich leitet.

Kerstin Giering
studierte Physik und ist Professorin für Mathematik, Physik und Technische Akustik an der FH Trier. Sie arbeitet als schalltechnische Gutachterin, hat die Lärmkartierungen u.a. in Rheinland-Pfalz und im Saarland besorgt und sich in verschiedenen Studien und Projekten mit Lärm – z.B. mit seiner monetären Bewertung – und Lärmwirkungen auseinandergesetzt.
Florian Huber
ist Soziologe und seit 2009 Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Universität Wien. Davor war er mehrere Jahre im Bereich Entwicklungspolitik tätig. Im Zuge seiner Dissertation „Gentrification als globales Phänomen und die Rolle der Akteure. Ansätze einer Soziologie der Gentrifizierung“ forscht Huber in Wien, Mexiko Stadt und Chicago. Er ist Gründungsmitglied der Sektion Soziale Ungleichheit in der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie.
Sabine Kebir
ist Autorin von wissenschaftlichen Sachbüchern und Belletristik. Sie promovierte am Institut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Berlin über die Kulturkonzeption Antonio Gramscis und ist Mitglied der International Gramsci Society. Sie arbeitet in verschiedenen Medien zu Fragen der Demokratie, des Islam und des Islamismus.
Konrad Paul Liessmann
ist einer der prominentesten österreichischen Philosophen der Gegenwart. In wissenschaftlichen Beiträgen und Buchveröffentlichungen (zuletzt:" Das Universum der Dinge") setzt er sich laufend mit ästhetischen, kunst- und kulturphilosophischen sowie gesellschafts- und medientheoretischen Fragen auseinander.
Thomas Macho
studierte Philosophie, Musikwissenschaft und Pädagogik, hat seit 1993 den Lehrstuhl für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin inne, das er seit 2009 als Direktor leitet. Er ist Gastprofessor unter anderem an der Kunstuniversität Linz und Mitglied zahlreicher Forschungsgruppen und -gesellschaften. "Menschen – Tiere – Maschinen. Zur Kritik der Anthropologie" (2010) ist seine letzte Veröffentlichung.
Olaf Schäfer
ist Musiker und Architekt in Berlin. Auf seiner Website metrophonie.de setzt er sich literarisch-künstlerisch mit dem Klang- und Geräuschuniversum der Stadt am Beispiel Berlin auseinander. 2009 gewann er mit seinem Essay "Zum Schutz, zur Freiheit" den Hörstadt-Essaywettbewerb.
Florian Sedmak
arbeitet als Texter, Musiker und Künstler und seit 2007 für und bei Hörstadt.
Karin Wagner
studierte Klavier, Musikwissenschaft (Doktoratsstudium) mit Zweitfach Zeitgeschichte und unterrichtet an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie ist Autorin der ersten deutschsprachigen Biografie zum Exilkomponisten Eric Zeisl und Expetin für verfolgte und verbotene Musik.
Zur Akustischen Hegemonie

Der Gehorsam, das Gehorchen, die Hörigkeit und die Zugehörigkeit – sie alle leiten sich vom Hörsinn ab. Nicht nur deshalb ist es naheliegend, den Zusammenhang zwischen Machtausübung und sozialer Kontrolle einerseits und dem Hören näher zu untersuchen. Das zweite internationale Hörstadt-Symposion in Linz widmet sich der Akustischen Hegemonie. Ihre Theorie gilt es im Unterschied zum Gedankengebäude der Kulturellen Hegemonie erst zu entwickeln. Hörstadt zeigt mit dem Symposion mögliche Facetten dieser Theorie.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die These: Wer den akustischen Raum beherrscht, beherrscht gleichzeitig auch die Gesellschaft. Die Aufgabe einer Theorie der akustischen Hegemonie ist es, im Akustischen die Spiegelungen der Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft zu erkennen. Es gilt, im Hörbaren die Grundfesten der Herrschaftsverhältnisse freizuschaufeln und jene groben wie feinen Klanggewebe sichtbar zu machen, die die Gesellschaft umgarnen und einschließen.
Akustische Ereignisse haben Herrschaftspotenzialität: Klang wirkt mit und gegen die Zeit, achronologisch und manchmal sogar antichronologisch. Sein Bedeutungsraum dehnt sich mit der Zeit und gegen die Zeit aus. Magisch kann Klang selbst Vergangenes auf-, ab- oder umwerten, geschehen oder ungeschehen machen. So wie ein Ton in der Musik dem vorhergehenden Bedeutung schenkt, auf ihn hindeutet, gegen die Zeit mit Wert bedenkt, tut das akustische Ereignis das auf, was vor uns war, und das, was nach uns sein wird, und belegt es mit Bedeutung und Wert.
Durch die – sozial determinierte – Etablierung von Geschmacksrichtungen erfolge eine Manifestierung sozialer Unterschiede in einer Gesellschaft, meint Pierre Bourdieu in seinem Klassiker "Die feinen Unterschiede". Die verschiedenen „Geschmacksklassen“ reproduzieren sich demnach auch selbst; in Form des legitimen, mittleren und populären Geschmacks. Eine Theorie der akustischen Hegemonie würde darüber hinausgehen und den Begriff des Geschmacks richtiggehend inkarnieren. Denn akustische Verhältnisse werden hauptsächlich durch Architektur, Stadtplanung und Technik geformt. Reflektierte Schallwellen sind es, die die Fähigkeit des Menschen Grund legen, sich selbst zu fühlen und sich durch Gleichgewichts-, Orientierungs- und Gehörsinn in Beziehung zu Raum, Zeit und Geschwindigkeit zu setzen und passiv und aktiv akustisch zu differenzieren. Der Themenkomplex Raum, Zeit, Geschwindigkeit und Sprache würde ein vorrangiges Forschungsfeld sein. Hier ginge es um Über-Tragung äußerer in innere Räume. Es wäre exemplarisch vorgeführt, dass Akustik relevant mehr als das Hören behandelt.
Das Bemühen, Herrschaft auch akustisch zu erlangen bzw. akustisch auszuüben, hat über die letzten Jahrhunderte bis heute auch stets den Versuch eingeschlossen, ästhetisch oder in punkto Text unliebsame Musik aus politischen oder religiösen Motiven zu verbieten. Mit dieser Frage hat sich Hörstadt bereits ausführlich in Form des im Akustikon in Linz ausgestellt gewesenen Polyphon II mit "Verbotenen Klängen" beschäftigt.
Das akustische Herrschaftsmodell u.a. der Nationalsozialisten zeigt deutlich, dass sich Akustische Hegemonie nicht auf Zwang und das Verbot unerwünschter akustischer Informationen und Erscheinungen allein stützen kann. Der vor allem in den 1920er Jahren wirkende italienische Theoretiker Antonio Gramsci verstand unter Hegemonie vor allem die Herstellung und Verbreitung zustimmungsfähiger Ideen. Diese Form der Herrschaftsausübung basiert darauf, eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen.
Die erfolgreiche Entwicklung zustimmungsfähiger Ideen schafft erst die Möglichkeit, die politische Herrschaft zu erlangen. Ihr Verlust untergräbt die herrschende Macht. Die Hegemonie reicht tief in den menschlichen Alltag hinein und manifestiert sich in der Alltagskultur und nicht zuletzt in der Sprache und im Sprachgebrauch, die ja ganz wesentlich akustischer Natur sind. Dabei arbeitet der Hegemon mit Schulen, Kirchen, Massenmedien und Verbänden als "Hegemonieapparaten" zusammen, wie sie Gramsci genannt hat. Der deutsche Linguist Viktor Klemperer hat mit seinem wissenschaftlichen Tagebuch "LTI" ein äußerst aufschlussreiches Dokument zum Sprachgebrauch des NS-Regimes geschaffen. Klemperer zeigt darin, wie es der NSDAP durch gebetsmühlenartige Wiederholungen gelang, einen Sprachgebrauch in ihrem Sinne anzustoßen und ein entsprechend kodiertes Vokabular gängig und alltäglich zu machen. Eine subtilere und wirkungsvollere Manipulation der Gedanken und Weltanschauung ist kaum vorstellbar.
Noch um einiges spannender als die Auseinandersetzung mit historischen Beispielen akustischer Hegemonie ist die Frage nach der Beherrschung des Hörbaren in der Gegenwart. Nie war die Zahl akustischer Informationen so groß wie heute, nie waren sie ebenso wie die Produktions- und Reproduktionstechnik so billig und so leicht verfügbar. So lässt sich einerseits von einer ungemeinen Popularisierung und Demokratisierung des Akustischen sprechen. Andererseits hat die unkomplizierte Verfügbarkeit akustischer Technologie und Inhalte zu einer historisch völlig neuen Dichte von Beschallungen im öffentlichen wie im privaten Bereich geführt. Immer noch werden freie Räume akustisch besetzt, vielfach aus wirtschaftlichen Motiven. Diesen Quantensprung gilt es zu erfassen, zu verstehen und kritisch zu bewerten.
Ausformungen akustischer Machtverhältnisse sind aber ebenso in aktuellen Diskussionen um vermeintliche Religionskonflikte zu entdecken. Das Läuten von Kirchenglocken z.B. impliziert nicht nur einen Informations-gehalt für die Liturgie oder das Zusammenleben einer christlichen Gemeinschaft, sondern deutet durch Schallwellen auch auf einen territorialen Anspruch hin. Somit ist auch zu verstehen, wie leicht Ängste in der Bevölkerung geschürt werden können, indem das akustische Gespenst der Muezzin-Gesänge heraufbeschworen wird.
Als Teil einer Theorie der Akustischen Hegemonie spielt auch Lärm bzw. die Verteilung der Lärmproduktion im urbanen Raum eine Rolle. Eine Stadt ist im Vergleich zu ländlichen Gebieten schon immer laut gewesen; bedingt durch die hohe Bevölkerungsdichte, dem Mobilitätsverhalten des Einzelnen, durch Industrieansiedlung oder dem städtischen Kulturleben. Ruhe ist deshalb besonders in der Stadt ein teures Gut.
Beim Symposion und für die Entwicklung der Theorie sollen dahingehend auch Fragen stadtsoziologischer Natur aufgeworfen werden:  In welcher Beziehung stehen Armut und Lärm? Kann die Behauptung "Wer arm ist, lebt im Lärm. Wer im Lärm lebt, ist arm." mit Erkenntnissen aus der Soziologie unterfüttert werden?
Beim Symposion und für die Entwicklung der Theorie sollen dahingehend auch Fragen stadtsoziologischer Natur aufgeworfen werden:  In welcher Beziehung stehen Armut und Lärm? Kann die Behauptung "Wer arm ist, lebt im Lärm. Wer im Lärm lebt, ist arm." mit Erkenntnissen aus der Soziologie unterfüttert werden?
Und kommt es bei Gentrifizierungsprozessen auch zu "akustischen Verdrängungen" bzw. zu Auf- und Abwertungen des akustischen Raums? Wie ist der öffentliche Raum akustisch besetzt? Wer hat Interesse, ihn zu besetzen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Rückzug des Individuums aus dem öffentlichen Raum und der akustischen Umwelt?
Die Beiträge, die dieses breite Themenspektrum abdecken, kommen von geladenen ReferentInnen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ebenso wie von ausgewählten RednerInnen, die ihre Referate im Zuge eines Open Call vorgeschlagen haben.
Beim Symposion und für die Entwicklung der Theorie sollen dahingehend auch Fragen stadtsoziologischer Natur aufgeworfen werden:  In welcher Beziehung stehen Armut und Lärm? Kann die Behauptung "Wer arm ist, lebt im Lärm. Wer im Lärm lebt, ist arm." mit Erkenntnissen aus der Soziologie unterfüttert werden?
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