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Kryptophone

Linzer Innenstadt, 14. November 2011 – 6. Jänner 2012

Kryptophonie
Hörend sind wir unablässig mit der Welt verbunden, ob wir dies nun bewusst wahrnehmen oder nicht. In der Stadt informiert uns unser Gehör zuverlässig über das Nahen der Straßenbahn und darüber, dass die Menschen immer noch Geld genug zum Treibstoffkauf und damit zum Autofahren haben. Im Gehen nehmen wir Gesprächsfetzen aus Dialogen gruppen- oder paarweise vorbeischreitender PassantInnen oder MobiltelefoniererInnen wahr. Schenken wir dem akustischen Stadtraum mehr Aufmerksamkeit, nehmen wir Subtileres wahr: den Wind in den Bäumen, den Regen auf der Straße, die räumliche Weite eines Platzes oder unser eigener Schritt in der vertrauten Enge einer Altstadtgasse.

Als akustisches Geschenk an die Stadt und als Einladung, ihr ein Ohr zu schenken, hat Hörstadt die Kryptophonie erdacht: Als den Blicken entzogene und schwer zu ortende Hörmomente in der Linzer Innenstadt, beginnen die Kryptophone ein tänzerisches Spiel mit unserer Wahrnehmung: Woher kommt dieser Klang? Was will er uns sagen? Will uns jemand etwas verkaufen? Oder ist dies hier gar kein akustisches Kunstwerk, sondern lediglich ein Alltagsgeräusch, das wir nur nicht zuordnen können?

Das BMUKK – Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur hat die Verwirklichung dieses Projekt unterstützt.
DIE KRYPTOPHONE

1. Stadt Grillen
Die Stadt Grillen (Gryllidae urbanus, engl. Urban Crickets) sind eine Familie der elektronischen Insekten und gehören zur Ordnung der solarbetriebenen Klanggeneratoren. Die Lauterzeugung bei den Grillen erfolgt durch ein oszillierendes System, das je nach Sonnenbestrahlung unterschiedliche Zirpgeräusche generiert. Neben dem Vorkommen der entsprechenden Lichtverhältnisse sind weitere Umweltbedingungen wie Klangklima und die akustische Stadtstruktur für die Artenverteilung in Raum und Zeit maßgeblich.
Reinhard Gupfinger ist Künstler und Forscher im Bereich von Sonic Interaction Design und Urban Sound Interventions mit Sitz in Linz.
2. Porcus Mortuus
Ein Wummern aus den Tontiefen der Unterwelt verweist auf den beschränkten akustischen Erinnerungs- und Vorstellungsraum des Menschen, wenn er innerlich in der akustischen Vergangenheit des 18. Jahrhunderts gräbt. Abseits künstlerischer und literarischer Zeugnisse ist dieser Vorstellungsraum unterbelichtet; dunkel. Nur manchmal schleichen sich Geräusche ein, die seltsam vertraut sind, aber wirken als wären sie weit weg von der urbanen akustischen Gegenwart.
Anatol Bogendorfer arbeitet als freischaffender Künstler, Musiker und Kurator.
3. Konstellationen
Der sogenannte Planetenbrunnen ist das akustisch bestimmendste Element an seinem Standort. Durch Subtraktion und nicht durch Hinzufügung eines Geräusches wird der Ort und seine Wahrnehmung verändert. Witterungsbedingt wird der Brunnen noch während der Projektlaufzeit ausgelassen und abgedreht. Das Geräusch des Brunnens wird dann wieder künstlich hinzugefügt und sorgt abermals für Irritation, da nun die optische Entsprechung zu den gehörten Klängen fehlt.
Seit 2004 arbeiten Clemens Mairhofer, Lucas Norer und Sebastian Six in der Künstlergruppe FAXEN zusammen. Sie arbeiten zu Fragen des öffentlichen Raumes und Urbanität anhand von Installationen, meist in Verbindung mit Sound.
4. Das Klanghäuschen
Mitten im urbanen Gefüge findet sich ein kleines orangefarbenes Häuschen. Ebenso klein und fein sind die darin beheimateten Klänge, die nicht müde werden, in ihrem Zuhause die eintretenden Gäste zu begrüßen.
Claudia Haslinger studierte Kultur- und Sozialanthropologie in Wien und arbeitet(e) bei diversen Kulturprojekten in Wien und Oberösterreich mit.
5. Chanter toujours
Bei der Miniatur-Soundinstallation Chanter toujours handelt es sich um eine Allegorie: ein Klang wird aus seinem eigentlichen Kontext extrahiert und in einen anderen transformiert – die immer singende Grille verlängert uns so den Sommer und ist als Geräusch-Intervention hoffentlich eine kleine freundliche Überraschung.
Michaela Schwentner ist Medienkünstlerin und Filmemacherin. Sie experimentiert in ihren Arbeiten mit unterschiedlichen Wahrnehmungsformen und spielt dabei gerne mit den Phänomenen Illusion und Imagination.
6. Om Mani Peme Hung
Das trotz seiner nur sechs Silben ungemein bedeutungsschwere zentrale Mantra des tibetischen Buddhismus Om Mani Peme Hung ist Ausdruck einer auch der christlichen Lehre nicht fremden grundlegenden Haltung des Mitgefühls wie des Wunsches nach der Befreiung aller Lebenwesen.
Der Loop selbst verkörpert das Mantra-Prinzip der unablässigen Wiederholung und greift das mechanische Gebetsverständnis des Buddhismus auf, in dem unter anderem die Drehbewegungen von Mühlen oder der Wind Trägerenergien des Gebets sind.
Florian Sedmak ist Texter, Autor, Musiker und Künstler.
7. Won't you believe it?
Am 20.11.1989 gab die Band Nirvana ihr erstes von nur fünf Österreich-Konzerten in der Kapu in Linz. Dieses Kryptophon versucht dieses akustische Ereignis auf einer Erinnerungsebene zu rekonstruieren - als Hommage, abseits vorherrschender Video und Ton- Dokumentationen. Vergangenes ist somit nicht länger Träger einer bereits (sprichwörtlich) festgeschriebenen Geschichte, sondern Ausgangpunkt für persönliche Reflexionen und Imaginationen, die bereits von einem kollektivem (Sound-)Gedächtnis vereinnahmt worden zu sein scheinen.
Karin Fisslthaler agiert als Musikerin und Liveperformerin unter dem Namen Cherry Sunkist. Sie lebt in Linz und Wien und arbeitet in den Bereichen Video/Film, Installation und Sound.
8. Der Glockenbaum
Der Glockenbaum ist der vierte in der Reihe mehrerer kleiner Bäume. Die unzähligen kleinen Glöckchen sind mit Schnüren außen an den Ästchen festgemacht, die fast immer in Bewegung sind. Ein feiner Klangstaub, ähnlich dem Wasserstaub des benachbarten Brunnens, versprüht sich in den Raum.
Peter Androsch ist Komponist und Künstler; Gründer und Leiter von Hörstadt. Er lebt in Linz.
9. Public relations
Diese Intervention verschiebt das Kräfteverhältnis zwischen vorhandenen akustischen Elementen auf einem Platz in Linz. Dafür wird ein ausgewähltes alltägliches Geräusch verstärkt und hervorgehoben, ansonsten aber in seiner ursprünglichen Klangqualität belassen. Als „Input“ und „natürliches Instrument“ dient ein Laubbaum, dessen Eigengeräusch durch den Eingriff plötzlich merklich lauter wird als das seiner Nachbarn. Eine subtile Differenz zwischen ansonsten ähnlichen Elementen, in Bezug auf eine einzelne, sehr diskrete Qualität wird erzeugt.
Barbara Musil studierte Humanmedizin in Graz und Experimentelle Gestaltung an der Kunstuniversität Linz. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin auf konzeptioneller Basis mit Schwerpunkt Video, Neue Medien und Kunst im öffentlichen Raum.
Wo die Stadt klingt: KryptoGeoPhonie

1. Zwischen jenem trotz seines bundeshauptstädtischen Charakters doch typisch linzerischen Kaffeehaus und dem martialischen Denkmal für die Hessen, der "ihrem Eide getreu 1914/18 mehr als 5.000 fielen" steht eine Baumreihe, der Gehör zu schenken sich lohnt.
2. Unterbrochen wird die Baumreihe von der Passage in jenes stattliche Haus, in dem die gewählten Häupter des Landes ein- und ausgehen und dabei eine beim Tiefgaragenbau ans Licht gekommene Ausgrabung überschreiten, aus deren Tiefe es leise, aber stetig nach oben klingt.
3. Wer der Passage durch das hinter dem Baumspalier gelegene Haus folgt, die zwei Teile der Innenstadt trotz des sie trennenden Bauwerks verbindet, kann in einen erstaunlich weiten Innenhof abzweigen, in dem sich kosmisches Wasser aus über zweihundertjähriger Quelle ergießt – oder auch nicht.
4. Vom Gedenkmal für die kriegerischen Hessen ist es nur ein Katzensprung zum  auf der anderen Straßenseite gelegenen Ort großer Dramen. Von dort geht es im gleichen Winkel weiter nach vorne und wieder retour auf die Straßenseite mit dem Denkmal, wo sich hinter einem orangefarbenen Wällchen die kleinen, aber viel echteren  Dramen des Großwerdens ereignen – und wo in einem wie von Kinderhand plangezeichneten Häuschen ganz in Orange ein Klang ein Dach gefunden hat.
5. Quer durch die Altstadt geht es über den Hauptplatz und weiter in die verwinkelten und vergleichsweise stillen Gassen hinein. In einer dieser geht es nicht nur dem Namen nach recht kollegial zu, sondern auch realiter an jenem dort angesiedelten Klangort. Wo sich einst Postbedienstete "Kollegin" und "Kollege" waren, hat die gewerkschaftliche Bedeutungsfacette nun der unter Kunstlehrenden und -studierenden gebräuchlichen akademischen Anrede Platz gemacht.
6. Das Kommerzherz von Linz schlägt an einer Straßenachse ganz und gar nicht städtischen Namens, wo sich trotz der überaus beachtlichen Quadratmetermieten und -pachten ein null Rendite abwerfendes Gotteshaus erhalten hat, das einem kryptoakustischen Ornament Asyl gewährt.
7. Ungleich stiller ist es allen Anstrengungen der Kaufleute zum Trotz in einer weiter oben parallel zur Shoppingmeile verlaufenden Geschäftsstraße mit recht patriarchalischem Namen. Mit Gott selbst ist auch der höchste Herr hier zuhause, und zwar in der größten Kirche des Landes. Direkt an der Ecke von Straße und dem weiten Areal um den sakralen Riesenbau steht ganz in schwarz und schweigend ein Stromkasten, der trotzdem viel zu sagen hat.
8. Eben dieser Stromkasten lässt sich auch als Grenzstein eines sehr kleinen Parks lesen, dessen Baumstirnreihe nichtsdestotrotz respektable Höhen erreicht. Der von der Straße weg gezählte vierte Baum ist akustisch aufgeputzt.
9. Am anderen Eck des Gevierts um die Kirche steht ein weiterer beredter Baum – und das an einer Straße, die ihn sogar im Namen führt. Ohren spitzen, hören gehen!
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