Ganze Stadt, halber Lärm
Hörstadt präsentiert mit „Urban Vision Linz“ einen Vorschlag zur LärmhalbierungGeht es um die Ursachen mangelnder Lebensqualität, ist Lärm unangefochtener Spitzenreiter bei allen Umfragen und Untersuchungen. Auch Linz hat großen Anstrengungen zum Trotz mit massiven Lärmproblemen zu kämpfen. Über 30 Prozent der Linzer Bevölkerung sind nachts mit akustischen Belastungen jenseits der zulässigen Grenzwerte konfrontiert. Besserung ist nicht in Aussicht: Fachleute sind angesichts des immer noch wachsenden Verkehrsvolumens längst einig, dass mit herkömmlichen Mitteln der Lärmbekämpfung wie Lärmschutzfenstern und -wänden keine spürbare Verbesserung mehr möglich ist.
Den internationalen „Tag gegen Lärm“ zum Anlass nehmend, hat die Linz09-Initiative Hörstadt am 29. April 2009 ein Team von ExpertInnen aus unterschiedlichen Disziplinen mit einer Grundlagenstudie zu einer wirksamen Lärmreduktion am Beispiel Linz beauftragt. Nach halbjähriger Forschungsarbeit von Raum- und Verkehrsplanern, Gemeindeforschern und Medizinern unter Federführung des Sachverständigenbüros TAS für technische Akustik steht fest: Es ist realistisch möglich, die Lärmbelastung im Zentrum von Linz um die Hälfte zu reduzieren.
Der Schlüssel dazu liegt in der Mobilität der Zukunft, die zugleich Grundlage einer bisher ungekannten Dimension städtischer Lebensqualität ist. „Die Stadt Linz hat mit dem Beschluss der ‚Linzer Charta’ den Weg zu einer europäischen Musterstadt auf akustischem Gebiet eingeschlagen,“ sagt Hörstadt-Initiator Peter Androsch. „Die Studie URBAN VISION LINZ weist nun einen weiteren Weg zu einer einzigartigen Positionierung und zu einer Vorreiterrolle in der Stadtentwicklung.“
Die ganze Stadt bei halbem Lärm in punkto Lebensqualität aufzuwerten, wird durch einen Wandel unserer Mobilität möglich. Öffentlicher und individueller Verkehr erfolgen durch Elektrofahrzeuge mit lärmarmen Reifen und einer einheitlichen Reisegeschwindigkeit von 30 km/h im Stadtkern.
Wolfgang Gratt, Geschäftsführer von TAS und Koordinator des Expertenteams, führt dazu aus: „Tempo 30 mag einschränkend klingen, tatsächlich handelt es sich aber um eine Beschleunigung des Verkehrsflusses. Bereits heute liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit in den Stoßzeiten deutlich unter 30 km/h und aufgrund der Verkehrszunahme wird das Tempo weiter sinken.“
Rund um das Stadtzentrum entstehen an den Verbindungsstraßen zum Umland Logistikzentren für den Warentransport in die Stadt hinein. Sie fungieren zugleich als Umstiegsterminals für den klassischen Autoverkehr. Wer mit einem klassischen Pkw anreist, steigt hier in ein Elektrofahrzeug um. Neben den Logistikzentren am Rand der Innenstadt werden die bestehenden Parkhäuser und Tankstellen im Zentrum für die Stellplätze von individuell nutzbaren öffentlichen Elektrofahrzeugen umgerüstet. Privatautos im urbanen Zentrum sind ebenfalls elektrisch betrieben und werden auf privaten Stellflächen geparkt.
Peter Androsch: „Fallen die Dauerparkflächen im öffentlichen Straßenraum weg, steht ein Vielfaches an städtischem Raum für neue Nutzungen, für den öffentlichen Verkehr sowie für Fußgänger und Radfahrer zur Verfügung.“ Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Der Ausstoß von Stickoxiden sinkt um zwei Drittel.
Voraussetzung für die Halbierung des in allererster Linie von Autos verursachten Umgebungslärms ist die flächendeckende Umstellung des innerstädtischen Verkehrs auf Elektrofahrzeuge. Wolfgang Gratt: „Die in vielen Städten bereits praktizierten Modelle der Verkehrssteuerung mit Einfahrtsmauten oder eine teilweise Beschränkung für Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren bringen keine ausreichende Lärmreduktion.“
Wenn nichts geschieht, werden sich die Ansprüche um Lärm, Luftqualität und Verkehr weiter polarisieren, sind sich die Studienautoren einig. „Wer kann, flüchtet jetzt schon vor dem Lärm. Wer es sich nicht leisten kann, muss bleiben. Das in der Studie URBAN VISION LINZ vorgestellte Modell bietet nachweisbar einen technisch machbaren und gangbaren Weg, die urbanen Zentren der Stadt als hochwertigen Lebens- und Wirtschaftsraum dauerhaft attraktiv zu machen.“
Grundlage für die Studie sind aktuelle Verkehrs-, Lärmbelastungs- und Luftqualitätsdaten von Linz. Neben TAS waren das Institut Retzl (Bereich Gemeindeforschung), AXIS (Verkehrsplanung), TOPOS III (Stadt- und Raumplanung) und Dr. Thomas Edtstadler (Humanmedizin) an der Erstellung von URBAN VISION LINZ – GANZE STADT, HALBER LÄRM beteiligt.

