Deutsch - English

Hörstadt ist die von Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas begonnene und nach 2009 fortgesetzte Initiative für eine bewusste und menschenwürdige Gestaltung unserer hörbaren Umwelt. Das Vorhaben wird von verschiedensten gesellschaftlichen und kulturellen Kräften unterstützt.

Es setzt sich zusammen aus Beschallungsfrei – Der Kampagne gegen Zwangsbeschallung, der Linzer Charta als Leitlinie für Stadtgestaltung in akustischem Sinne, und dem Akustikon als Welt des Hörens im Zentrum von Linz.

Hörstadt liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Mensch bis ins Innerste von allem berührt und beeinflusst wird, was er hört. Hörstadt engagiert sich daher für eine dem Menschen gerechte akustische Umwelt. Die zentrale Forderung von Hörstadt lautet: Der akustische Raum muss als politischer Raum begriffen und bewusst gestaltet werden.

Folgende von Peter Androsch, Präsident der Akustikon Gesellschaft des Hörens und ehemals Leiter für Musik bei Linz09, angestellten Überlegungen sind und waren der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Hörstadt:

Ein Raum, in dem sich unsere Lebensbedingungen unvermittelt konkretisieren, ja durchaus inkarnieren, ist der akustische Raum. Der akustische Raum definiert sich über die Art der Sinneswahrnehmung. Alles, was hörbar ist, bildet den akustischen Raum. Er ist also genauso öffentlich wie privat, veröffentlicht wie intim. Er ist allumfassend.

Der akustische Raum ist Raum einer Revolution, einer Revolution, die alle betrifft, die tiefe gesellschaftliche, individuelle, körperliche und seelische Auswirkungen zeitigt. Diese Revolution ist gerade im Gange. Durch sie ist es das erste Mal in der Menschheitsgeschichte möglich, an jedem Ort, zu jeder Zeit, in jeder denkbaren Form zu beschallen. Der akustische Raum wird durch neue Technologien neu erfunden, er wird regelrecht entfaltet zu etwas bisher Unvorstellbarem.

Der Mensch wird dadurch in allen Lebensbereichen Objekt von ungekannten E- bzw. Immissionen. Sei es auf der Toilette am Flughafen oder vor der Lärmschutzwand.

Wir können just den Verkehrsraum als geschichtliche Parallele heranziehen: Durch rasend schnelle technologische Entwicklungen entfaltete sich (bis heute und weiter) ein Raum, in dem sich der motorisierte Verkehr bewegt. Die Entfaltung des Raumes geht mit schnellerer Geschwindigkeit vor sich als die Schaffung und Weiterentwicklung der Verhaltensnormen für diesen Raum. Regelmäßig entstehende Vakua saugen jene gesellschaftliche Kräfte an,  die technologisch, finanziell und geistig in der Lage sind, den entfalteten Raum zu füllen. Sie tun das noch frei von gesellschaftlich anerkannten Regeln. Gleichwohl gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass eine einheitliche Normierung des Verkehrsraums zu leisten ist. Die Normierung entspringt einem andauernden Prozess der politischen Auseinandersetzung und muß den Grundsätzen einer demokratischen, republikanischen Gesellschaft genügen.

Der akustische Raum befindet sich also in der Phase rasender Entfaltung. Wir beobachten so etwas wie den Wilden Westen des Hörens. Die Technologie ermöglicht die Besetzung neuer Territorien. Ihre Besetzung verspricht spätere Eigentums- und Verwertungsrechte. Es findet mit den Worten des Nationalökonomen und Hörstadt-Unterstützers Elmar Altvater die „Inwertsetzung von Gemeingütern“ statt.

Deshalb fluten Beschallungen alle Lebensbereiche des Menschen. Wir hören akustische Ikons bei der Bedienung von allen möglichen Geräten, wir beschallen uns selbst und werden gleichzeitig zwangsbeschallt in allen Lebenslagen, wir sind zunehmend Opfer diverser Lärmkulissen. Kurz: in unsere Körper wird unentwegt Schall gestopft, sie sind Objekt totalitärer Behandlung.

Unser Körper ist das Schlachtfeld gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
Die zunehmende Emission von Schall hat weitreichende körperliche, seelische Auswirkungen. Sie beeinflusst schließlich die Gesellschaft grundlegend und andauernd und muss daher in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gerückt werden.

Der akustische Raum muß bewusst gemacht und einer Raumordnung unterworfen werden. Der Mensch muß die Souveränität über seinen Körper wieder erlangen. Die Kultur des  akustischen Raumes mus einer demokratischen Gesellschaft würdig sein.

Der an allen Orten gleich klingende Verkehrslärm hat die einst individuellen Klanglandschaften der Städte zu einem monotonen Brausen planiert, dem auch mit teuersten Lärmschutzmaßnahmen niemand mehr Herr wird. Architektur, Verkehrs- und Raumplanung sind zu „tauben“ Disziplinen geworden, in denen ohne Bedenken akustischer Folgewirkungen gehandelt wird. Die technischen Revolutionen der letzten Jahre haben eine zeitlich und räumlich umfassende Beschallung ermöglicht, die mit einer Ökonomisierung des Hörens einhergegangen ist: Längst werden Produkte vom Auto bis zum Keks auch akustisch gestaltet, um Qualität zu suggerieren oder auszudrücken, während Unternehmen aufgrund der durch visuelle Re izüberflutung zunehmenden Wirkungslosigkeit herkömmlicher Werbung auf akustische Inszenierungen ausweichen. Supermärkte, Geschäfte, Einkaufszentren, Restaurants, Warteräume, Telefonwarteschleifen und sogar Toiletten unterziehen täglich Millionen BürgerInnen einer mehr oder weniger absichtsvollen Zwangsbeschallung mit Musik.

Hörstadt schließt an die legendäre Idee der Linzer Klangwolke an, führt sie weiter zur Positionierung der ganzen Stadt als Klangraum, akustischen Raum und entwickelt für Linz noch ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten in Politik, Wirtschaft, Kultur, Kunst, Bildung und Tourismus, weil es den Menschen als ganzes, als klingendes Wesen, al s Person in den Mittelpunkt stellt. Der Mensch als Maß aller Dinge bietet Entwicklungsmöglichkeiten, die frei von Moden und zeitbedingten Technologien sind.

Weiterempfehlen
Drucken